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Daniel Kehlmann: Tyll (2017)

Worum geht’s?

Till Eulenspiegel (auch Dil Ulenspiegel / Dyl Ulenspegel) lebte der Überlieferung nach von ungefähr 1300 bis 1350. In der um 1510 erschienenen mittelniederdeutschen Schwanksammlung [1] wird er als Narr beschrieben, der seinen Mitmenschen Streiche spielte, indem er bildliche Redewendungen wörtlich nahm.

 

Mit diesem Narren hat Kehlmanns Tyll nicht viel gemeinsam. Zwar bringt auch er die Leute zum Lachen, er ist jedoch sowohl Entertainer als auch zynischer Provokateur, der den Zeigefinger auf die rohen Sitten und Gebräuche der Zeit legt. Und die Zeit ist eine besonders gravierende: Der Roman spielt während des Dreissigjährigen Krieges (1618 - 1648). In diesen Jahren kam ein Drittel der deutschen Bevölkerung ums Leben, weite Landstriche wurden verwüstet, es herrschte Not und Angst.

 

Im Roman spielt der Krieg nur eine Nebenrolle. Kehlmann beschreibt einige Schlüsselereignisse, im Zentrum jedoch steht der Alltag der einfachen Leute, die ihr Schicksal ertragen müssen und nie wissen, ob sie den nächsten Tag noch erleben. Tyll taucht zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten Deutschlands auf, wir verfolgen seine Geschichte nicht chronologisch und aus unterschiedlichen Perspektiven, was dem Text einen zusätzlichen Reiz verleiht. Wir erfahren etwas aus Tylls Kindheit als Müllerssohn, streifen mit ihm und seiner Freundin Nele mit den Gauklern durchs Land und kommen sogar an den Hof des pfälzischen Kurfürsten Friedrich V. und König von Böhmen. Und am Schluss streckt die Königin allen die Zunge raus.

 

Kehlmann vermischt kunstvoll Fiktion mit Realität. Er beschreibt (zum Glück) nicht die Grausamkeiten des Krieges, sondern er lässt sie uns erahnen, was aber nicht weniger eindrucksvoll ist.

 

Meine Lieblingsstelle

Die zwei Jesuiten Athanasius Kirchner und Adam Olearius reisen mit dessen langjährigem Reisegefährten Magister Fleming durchs Land auf der Suche nach dem letzten noch lebenden Drachen. Falls sie ihn finden, will Kirchner ihn mit Musik besänftigen und fangen. Stolz erzählt er von dem von ihm entworfenen «Katzenklavier». Das unterhaltsam absurde Gespräch wechselt zwischen Drache, Musik und Dichtung hin und her. Kirchner kann nicht verstehen, dass Fleming Gedichte auf Deutsch verfasst. «Sie waren gar nicht schlecht, seine Gedichte, sie hatten Melodie und Kraft. Aber wer wollte schon ohne Vorwarnung Gedichte hören, und dann noch auf Deutsch?»

 

Was mir am Buch besonders gefällt

Das Buch ist mit seinen 473 Seiten ein rechter Wälzer. Kehlmanns Stil ist jedoch so anregend unkompliziert, sein Vokabular so vielschichtig und sein Humor in den ernsten Situationen so erfrischend, dass ich das Buch im Nu weggelesen hatte!

 

Der Roman bringt uns auf unterhaltsame Weise ein dunkles Stück Geschichte näher. Es ist ein gleichzeitig ernstes und trauriges, aber auch feinfühliges und witziges Buch.

 

Wem ich das Buch empfehlen würde

  • Liebhaber*innen des feinen Humors
  • Geschichtsinteressierte
  • Geniesser*innen des scheinbar leichten Stils, dessen Genauigkeit die Arbeit dahinter nur erahnen lässt
  • Leser*innen, die sich gern dem Sog einer längeren packenden Geschichte aussetzen

 

O-Ton aus dem Buch

«Peter Stegers Vetter, nicht der Paul Steger, der andere, der Karl, ich hab ihm gesagt, dass er nicht auf die Buche steigen soll, auch nicht, um Schätze zu finden, tu es nicht, hab ich gesagt, und der Steger-Vetter hat gefragt: Ein Schatz auf meiner Buche? Und ich hab gesagt: Tu es nicht, Steger, und der Karl hat gesagt: Wenn da ein Schatz ist, will ich hinauf, und dann ist er gefallen und hat sich den Kopf zerschlagen. Und ich komme nicht drauf, obwohl ich immer drüber nachdenke, ob eine Weissagung, die nicht in Erfüllung gegangen wäre, hätte ich sie nicht gemacht, eigentlich eine Weissagung ist oder was anderes.»

 

(Tylls Vater beim Verhör; er wurde wegen seiner Neugierde der Hexerei angeklagt.)

 

[1] Ein kurtzweilig lesen von Dil Ulenspiegel, geboren vß dem land zu Brunßwick, wie er sein leben volbracht hat […], vom Straßburger Verleger und Drucker Johannes Grüninger ohne Nennung eines Verfassers publiziert.