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Julia von Lucadou: Die Hochhausspringerin (2018)

Worum geht’s?

Zwei junge Frauen sind die Protagonistinnen des Romans. Die eine, Riva Karnovsky, ist ein Star. Als Spitzensportlerin – genauer gesagt: Hochhausspringerin – hat sie viele Sponsoren und kann sich ein luxuriöses Leben im Zentrum der Stadt leisten, eine Wohnung mit Designermöbeln und atemberaubender Aussicht, nur drei Stockwerke unter dem Penthouse. Die andere, Hitomi Yoshida, konnte ihren Traum vom Spitzensport nicht verwirklichen und arbeitet inzwischen als Psychologin. Immerhin wohnt sie in der Stadt und muss nicht in den ärmlichen Peripherien leben.

 

Von einem Tag auf den andern verweigert Riva ihre Leistungen, sie will nicht mehr Springen. Weil für alle viel auf dem Spiel steht – Manager, Sponsoren, Lebenspartner – soll sie so schnell wie möglich wieder «funktionstüchtig» gemacht werden. Dafür wird Hitomi engagiert.

 

Die Handlung spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft, in einer nicht näher beschriebenen globalen Megacity, wo die Reichen hoch oben in den Hochhäusern wohnen, die weniger Glücklichen weit unten, wo die Sonne kaum hinkommt, und die Gescheiterten in den schmutzigen Peripherien. Das Leben der Erfolgreichen besteht aus Arbeit, Mindfullness-Training und Sport und wird von Activity-Trackern bestimmt. Künstliche Intelligenzen haben viele Funktionen in der Arbeitswelt übernommen. Man kann zum Beispiel sogenannte «Parent-Bots» konsultieren, wenn man sich einsam fühlt. Hitomi, die keinen Kontakt mehr mit ihren «Bioeltern» hat, weil sie deren Erwartungen nicht erfüllen konnte, lässt sich oft von einem «Mutter-Bot» trösten.

 

Meine Lieblingsstelle

Hitomi ruft den technischen Dienst ihres Arbeitgebers an. Nach ein paar erfolglosen Sätzen, in denen die beiden aneinander vorbeireden, bittet Hitomi darum, an eine reale Person weitergeleitet zu werden. Die Antwort: «Ich bin eine reale Person.»

 

Was mir am Buch besonders gefällt

Julia von Lucadous Sprache ist einerseits sehr poetisch und kunstvoll konstruiert, andererseits aber auch kühl und reduziert. Man spürt Lucadous Herkunft als Filmwissenschaftlerin, man sieht das Buch bereits als Film vor dem inneren Auge ablaufen. Ich wette, es dauert nicht lange, bis es tatsächlich verfilmt wird. Trotzdem bleibt vieles vage. Die Fragen, die das Buch aufwirft, werden klug und sensibel behandelt und oft unbeantwortet gelassen. Das empfinde ich als die grosse Stärke des Buches, die Leser*innen haben die Chance, sich diese schöne neue Welt selber weiterzuspinnen. Der Film hingegen müsste konkrete Bilder finden. Ich bin recht kritisch und oft enttäuscht, was den Schluss eines Buches betrifft. Den Schluss dieses Buches finde ich überraschend, erschreckend, und äusserst gelungen!

 

Wem ich das Buch empfehlen würde

Allen, die sich für folgende Themen interessieren:

  • Streben nach Perfektion und Effizienz
  • Grenze zwischen staatlicher Fürsorge und Überwachung
  • Selbstoptimierung
  • Verhältnis Mensch – Maschine
  • Wo bleibt die Kreativität?

Und allen, die gern Dystopie-Romane lesen oder -Serien schauen. Sie werden viele Anspielungen entdecken, z.B. auf «Brave New World», «1984», «Black Mirror».

 

O-Ton aus dem Buch

«Lassen Sie das Chaos zu, Frau Yoshida.»