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Ruth Schweikert: Tage wie Hunde (2019)

Worum geht’s?

Am 9. Februar 2016 erhält Ruth Schweikert die Diagnose, dass sie an einer besonders aggressiven Form von Brustkrebs erkrankt ist. Das Buch erzählt von der eigenen Krankheit, aber auch vom Lesen und Schreiben, von Einsamkeit und Scham, Krankheit und Tod. Gleichzeitig ist es aber auch ein heiteres Buch voller Humor.

 

Das Buch ist nicht chronologisch aufgebaut, die Erzählerin springt vor und zurück, integriert E-Mails und SMS-Fetzen inklusive Tippfehler und unfertige Sätze. Durch die häufige Wiederholung des Datums 9. Februar 2016 erleben wir als Leserinnen die Länge dieses Tage, das Warten auf die Diagnose, während die Autorin im Jungen Literaturlabor Zürich einen Workshop hält und in jeder Pause die vermeintlich letzte Zigarette raucht. Später im Buch erleben wir auch Krankheitserfahrungen von Schriftstellerkollegen und Freunden und in komprimierter Form die Lebensgeschichte des Vaters der Autorin.

 

Meine Lieblingsstelle

ist ein Nebenstrang des Buches, ein imaginierter Rückblick auf das Jahr 2019 aus dem Mitteleuropa zu Beginn des 22. Jahrhunderts, inszeniert als Erlebniswelt mit dem Titel: «Was im Laufe des 21. Jahrhunderts von der Bildfläche verschwand – eine Zeitreise». Im historischen Museum sind Objekte und Alltagsgegenstände hinter Panzerglas zu sehen, z.B. Wollmützen, Skis und Skiliftbügel, ausserdem Bücher in rätoromanischer Sprache. Die grösste Attraktion aber sind die unheilbaren Tumore (UT). Gegen eine moderate Aufwandsentschädigung kann man sich einen von rund 70 UTs in ein beliebiges Organ implantieren lassen. Die Ausleihefrist beträgt vier Wochen, es besteht eine Wartefrist von rund drei Monaten. Manchmal setzt sich aber auch jemand mit einem dieser UTs ab in eine jener Weltgegenden, in denen der Tod dem Homo Sapiens noch erlaubt ist.

 

Was mir am Buch besonders gefällt

Das Werk ist äusserst vielfältig, sowohl thematisch als auch stilistisch. Man merkt der Schriftstellerin die Freude am Formen und am Geformten, am Schleifen und nochmal Schleifen an. Es gibt aber auch Passagen, die sprachlich das formlos Wuchernde des Krebses wiedergeben, Mails und SMS voller Sprach- und Tippfehler, eine Analogie zum unkontrollierten Zellwachstum.

 

Das Buch ist einerseits sehr persönlich, es gibt viel von der Autorin preis, wahrt aber trotzdem immer eine gewisse Distanz, so dass wir als Leserinnen nie das Gefühl haben, voyeuristisch dabei zu sein oder zu nahe dran zu sein.

 

Wem ich das Buch empfehlen würde

Leser*innen, die nicht eine von A bis Z erzählte Geschichte erwarten, die eine schonungslose Sprache und auch härtere Themen wie Krebs oder den Tod eines Kindes nicht scheuen. Dafür werden sie mit Humor, tiefgründigen Gedanken und viel Heiterkeit und Optimismus belohnt.

 

O-Ton aus dem Buch

Heute ist es G., die mir zu meiner Frisur gratuliert; […] coole Frisur, sagt G. und strahlt mich an, sieht super aus, ich lache, und sie redet gleich weiter; seit gut einer Woche vergeht kein Tag, ohne dass jemand mich zu meiner (neuen) Frisur beglückwünscht – kein einziges graues Haar, etwas voluminöser als bisher, Seitenscheitel, akkurat geschnitten, die Haare weder strohig noch fettig – und endlich kapiere ich, dass ich zwar einundfünfzig Jahre lang Haare hatte, aber höchst selten etwas auf dem Kopf trug, das man eine Frisur nennt, bestenfalls einen vorteilhaften Schnitt; erst der komplette Haarverlust beschert mir – in Form einer Kunsthaarperücke – doch noch eine Frisur […].