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Marco Balzano: Ich bleibe hier / Resto qui (2020)

Worum geht’s?

Marco Balzano verwebt in seinem Roman die Geschichte von Graun, einem kleinen Dorf im obersten Südtirol, mit dem Schicksal der Lehrerin Trina und ihrem Leben zwischen Deutsch und Italienisch, Mussolini und Hitler, Flucht und Heimkehr, familiärem Verlust und verlorenem Besitz.

 

Für die Bevölkerung dieses Teils des Südtirols folgten Anfang des 20. Jahrhunderts Faschismus und Nationalismus nahtlos aufeinander. Balzano erzählt von Mussolinis Italianisierung jener deutschsprachigen Region, die nach dem Ersten Weltkrieg Italien zugesprochen worden war, und von den deutschsprachigen Südtirolern, die sich zwischen 1939 und 1943 zwischen zwei faschistischen Diktaturen entscheiden mussten: Die «Optanten» wanderten mehr oder weniger freiwillig ins Deutsche Reich aus, die «Dableiber» harrten unter immer widrigeren Umständen als Menschen zweiter Klasse in ihrer Heimatregion aus, wo die Nationalsozialisten ab 1943 die Macht an sich rissen und die Männer für die Wehrmacht rekrutierten.

 

Die junge Lehrerin Trina hat Freude an ihrem Beruf. Als die Faschisten ihr verbieten, als Lehrerin tätig zu sein, unterrichtet sie die Kindern weiterhin heimlich in Deutsch, in Kellern und Scheunen, obwohl sie damit rechnen muss, von den Carabinieri verhaftet und auf eine der Strafinseln im Mittelmeer verbannt zu werden. Später, unter den Nationalsozialisten, wird ihr Mann eingezogen. Und vor die «Option» gestellt, entscheidet sich Trina mit ihrer Familie zu bleiben. Sie kämpft für ein respektvolles Leben, und als dann noch ein Energiekonzern für einen Stausee Felder und Häuser überfluten will, leisten sie und ihr Mann Widerstand.

 

Der 1978 geborene Mailänder Marco Balzano, der an einem Gymnasium Literatur unterrichtet, gilt derzeit als einer der erfolgreichsten italienischen Autoren. «Ich bleibe hier» war nominiert für den Premio Strega, einem der wichtigsten italienischen Literaturpreise. Den Roman hat die hervorragende Übersetzerin Maja Pflug ins Deutsche übersetzt.

 

In Italien wurden bereits über 100’000 Exemplare verkauft, was bemerkenswert ist, denn der Roman ist eine ungeschönte Aufarbeitung der italienischen Südtirol-Politik.

 

Meine Lieblingsstelle

Statt einer Lieblingsstelle möchte ich dieses Mal die Darstellung der Hauptfigur Trina hervorheben. Mich beeindruckte, wie der Autor ihre Stärke schildert. Wir begleiten eine mutige Frau von der Ausbildung zur Lehrerin bis zum Verlust der Heimat durch Umsiedelung. Dazwischen liegen Heirat, der emotionale Verlust der Kinder (die Tochter verlässt das Dorf, der Sohn wird zum Nazi), viel Widerstandskampfgeist, und schliesslich der Verlust des Mannes.

 

Was mir am Buch besonders gefällt

Historische Begebenheiten anhand Romanfiguren zu erzählen birgt viel Potential, aber auch ein paar Stolpersteine. Nicht immer gelingt Balzano die Verknüpfung der geschichtlichen Ereignisse mit den Schicksalen seiner Figuren reibungslos, ab und zu scheint die Konstruktion etwas zu stark durch. Ich mag den Roman vor allem dort, wo der Autor nahe an seinen Figuren bleibt, wo wir zum Beispiel mit der jungen Trina mitbangen, die ihren Schülerinnen verbotenerweise Deutsch beibringt und ständig damit rechnen muss, entdeckt zu werden.

 

Ebenfalls faszinierend finde ich, wie Balzano in kurzen, einfachen Sätzen Stimmungen erzeugt.

 

Wem ich das Buch empfehlen würde

Wer sich für eine zwar eher traurige, aber unsentimental erzählte und historisch verbürgte Geschichte interessiert, wird den Roman mögen und einiges über die Geschichte des Vinschgaus lernen.

 

Originalton aus dem Buch

Im Sommer gehe ich oft hinunter und spaziere ein bisschen am Stausee entlang. Die Anlage liefert sehr wenig Energie. Es ist viel günstiger, den Strom bei den französischen Atomkraftwerken zu kaufen. Im Laufe weniger Jahre ist der aus dem Wasser ragende Kirchturm zu einer Touristenattraktion geworden. Die Sommerfrischler staunen zuerst und wandern dann bald unbekümmert weiter. Sie machen Fotos mit dem Turm im Hintergrund und setzen alle das gleiche blöde Lächeln auf. Als wären unter dem Wasser nicht die Wurzeln der alten Lärchen, die Fundamente unserer Häuser, der Platz, auf dem wir uns versammelten. Als hätte es die Geschichte nicht gegeben.