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Vier Comics und ein Manga (2017-2020)

 

Philipp Waechter: Toni. Und alles nur wegen Renato Flash (2018) / Toni will ans Meer (2020)

ab 6 Jahren

 

Toni lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter irgendwo in Deutschland. Er ist leidenschaftlicher Fussballer, deshalb braucht er auch unbedingt die neusten Fussballschuhe, die bei jeder Ballberührung blinken. Weil seine Mutter sie ihm nicht kaufen will, macht er sich selber ans Geldverdienen. Aber weder mit Flyer Austragen, noch mit Strassenmusik, Hunde ausführen oder einem Flohmarktstand bringt er genügend Geld zusammen. Selbstverständlich kommt trotzdem alles gut.

 

Im zweiten Band möchte Toni ans Meer, doch seine Mutter kann sich den Urlaub nicht leisten. Da macht Toni bei ganz vielen Preisausschreiben mit und gewinnt tatsächlich einen Aufenthalt in einem Nobelhotel. Die Ferien scheinen gerettet, doch natürlich kommt alles anders…

 

Ein sympathischer, witziger Mutter-Sohn-Comic mit klugen Dialogen und tollen Illustrationen. Ein Vergnügen nicht nur für die Kleinen.

 

 

Serge ERNST + ZIDROU:

Glatzköpfchen: Wer braucht schon Haare? (2020) / Club der grünen Krokodile (2020)

ab 6 Jahren

 

Meiner Meinung nach ein etwas unglücklicher Titel, der abschreckend wirkt, und auch die Alterskategorie ist etwas tief angesetzt. Mich haben die zwei Bände beeindruckt. Es geht um die 13-jährige Zita, die Leukämie hat und seit neun Jahren im Krankenhaus lebt. Weil sie keine Haare hat, wird sie von allen nur «Glatzköpfchen» genannt, und da sie in der körperlichen Entwicklung ihrem Alter eher hinterherhinkt, wird sie oft für einen Jungen gehalten oder dann auf etwa zehn geschätzt, was sie beides sehr nervt. Denn schliesslich ist sie verliebt, in einen Jungen ein paar Zimmer weiter.

 

Im Jahr 2010 sandte der Szenarist ZIDROU dem Zeichner ERNST sein Projekt «Glatzköpfchen», im Original «Boule à Zéro» (tondre la boule à zéro bedeutet den Kopf kahlscheren). Trotz des schwierigen Themas erschien 2011 der erste Band auf Französisch. Anfänglich war die Geschichte auf zwei Bände konzipiert, doch die Autoren und der Verlag hatten weder mit der fantastischen Rezeption durch die Leser noch mit dem Enthusiasmus des Buchhandels gerechnet. Inzwischen sind auf Französisch acht Bände erschienen, die Serie wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Serge Ernst gründete den Verein «2000 BD», deren Zweck es ist, den Comic gratis an hospitalisierte Kinder abzugeben.

 

Alles in allem eine nachdenkliche Geschichte mit viel Humor über ein mutiges Mädchen, das niemals aufgibt. Schön, dass die Geschichten nun auch auf Deutsch erscheinen. Sicher auch für ältere Kinder geeignet.

 

 

Sabine Lemire:

Mira #freunde #verliebt #einjahrmeineslebens (2018)

Mira #freunde #papa #wasfüreinsommer(2019)

Mira #kuss #kunst #familie(2020)

ab 9 Jahren

 

Ein dänischer Comic über ein Mädchen am Übergang zwischen Kind und Teenie, das mit ihrer alleinerziehenden Mutter aufwächst. Ihren Papa lernt sie erst im zweiten Band kennen, der wusste bis anhin nämlich gar nicht, dass es sie gibt!

 

Hinreissend erzählt die Serie über das Aufwachsen in Zeiten von Instagram und Patchworkfamilien, es geht um Freundschaft, Eifersucht und darum, wie es ist, eine coole, aber manchmal auch peinliche Mutter zu haben.

 

Besonders gefallen hat mir, wie Mira unsicher sich selbst befragt, was denn nun cool und was noch kindisch ist. Erwachsenwerden ist nicht einfach, hier aber sehr sympathisch und warmherzig dargestellt. Und die liebevollen Szenen, in denen sich die Mutter mit ihren Knuddeleinheiten nicht zurückhalten kann und Mira sich nach und nach aus ihrer Umarmung herausschält, kommen mir sehr bekannt vor, auch wenn meine Tochter inzwischen älter ist. Miras Kommentar: «Mama, also wirklich. Wieso wissen Mütter nie, wann genug umarmt ist?»

 

 

Jose Luis Munuera:

Spirou präsentiert: Zyklotrop. Die Tochter des Z (2017) /  Zyklotrop. Der Lehrling des Bösen (2019) /  Zyklotrop. Lady Z (2020)

ab 10

 

In der neuen Reihe «Spirou präsentiert...» werden den beliebtesten Nebenfiguren aus dem Spirou-Universum eigene Geschichten gewidmet. José Luis Munuera war von 2004 bis 2008 regulärer Zeichner der Traditionsserie Spirou & Fantasio.

 

In dieser Reihe hier geht es um den grössenwahnsinnigen Wissenschaftler Zyklotrop (frz. Zorglub). Eigentlich war er schon in den alten Comics nicht wirklich böse, sondern er versuchte immer nur böse zu sein, stellte sich aber oft etwas tollpatschig an. Grössenwahnsinnig ist er auch jetzt noch, aber böse ist er noch viel weniger, denn inzwischen ist er auch als Vater gefordert. Seine 16-jährige Tochter Zandra hat gerade ihren ersten Jungen geküsst, was Zyklotrop gar nicht passt. Zum Glück hat die Tochter eine mildernde Wirkung auf den Vater. Sie verbietet ihm, Atombomben herzustellen, und die Waffen, die er an verfeindete Gruppen verkauft, sind aufblasbar.

 

Leichte Unterhaltung mit witzigen Anspielungen auf Actionfilme und Einbezug aktueller Themen. Zyklotrop fragt einen Clanführer, der Waffen bestellen will, ob er vom bevorstehenden Angriff durch seine Spione erfahren habe. Die überraschende Antwort: «Nein, sie haben es auf Instragram gepostet.»

 

 

Mitsu Izumi: Magus of the Library 1-3 (2019 / 2020 / 2020)

ab 13

 

Mit Mangas werde ich generell nicht so warm, einerseits habe ich Mühe mit den Illustrationen, andererseits kann ich mit den vielen Superhelden und den teilweise brutalen Gewaltdarstellungen nicht viel anfangen. Ich finde es aber spannend, dass ich mich als Bibliothekarin auch mit Themen beschäftigen muss, die mir nicht von Anfang an liegen. Die drei Bände «Magus of the Library» habe ich mich mit Neugierde, Interesse und auch mit Vergnügen gelesen.

 

Man wähnt sich hier fast in einem arabischen Märchen. Shio, ein Junge aus dem Armenviertel, der wegen seines andersartigen Aussehens von den andern Kindern gemobbt wird, tut nichts lieber als lesen. Doch der Bibliothekar der lokalen Bibliothek wirft ihn hinaus, wann immer er ihn erwischt, denn der Junge könnte ja die Bücher schmutzig machen. Zum Glück ist seine Tochter netter und lässt den Jungen jeweils zur Hintertür hinein.

 

Eines Tages reisen Gelehrte aus der grossen Stadt des Wissens an. Sie scheinen in dem andersartigen Jungen etwas zu sehen, was der Dorfbevölkerung nicht aufgefallen ist. Dies ist der Anfang einer aufregenden Zeit für den Jungen mit Magie und Abenteuern. Am Ende des ersten Bandes macht sich Shio auf in die grosse Stadt, um dort Bibliothekar zu werden.

 

Thematisiert werden in diesem Manga Armut, Anderssein, Diskriminierung, Wissensdurst, Heldentum, durch Geschichten dem Alltag entfliehen, Bücher. Man lernt Aufschlussreiches über Bibliotheken und die Macht der Bücher. Die Reihe eignet sich auch gut für Erwachsene als Einstieg in Mangas. Und wenn man sich erst mal an das Lesen von «hinten» nach «vorne» und von rechts nach links gewöhnt hat, macht es richtig Spass!