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Simone Meier: Reiz (2021)

Worum geht’s?

Die Protagonistin Valerie ist Mitte fünfzig, Single, und sie weiss, was sie will. Sie mag Sex, Abwechslung und pflegt eine langjährige platonische Freundschaft zum alternden Schauspieler F. Momentan hält sie sich gerade den Toyboy Theo, der nicht nur jung, sondern auch fast unanständig reich ist. Sie geniesst die Affäre, weiss aber auch, dass sie nicht lange halten wird.

 

F.s Sohn Luca ist das Gegenstück zu Valerie. Er ist jung, antriebslos und auf der Suche nach Liebe. Er sehnt sich nach Malou, die lieber in Stockholm gegen die Umweltzerstörung kämpft als in Lucas Arme zurückzukehren. Luca weiss nicht recht, was er im Leben anfangen will, er hat das Gymnasium abgebrochen und kämpft mit Motivationsproblemen. Seine Mutter, «die Goldschmiedin», lebt mit Anna zusammen, die für Luca eine wichtige Bezugsperson ist.

 

Auf F.s Bitte hin engagiert Valerie Luca als Praktikant in ihrer Redaktion. Dort trifft er auf Kia, die für einen von Valeries Texten eine wichtige Rolle spielt.

 

Was mir am Buch besonders gefällt

Man folgt den verschiedenen Figuren durch einen Teil ihres Lebens, freut sich mit Valerie über ihre Altersgelassenheit, belächelt F.s jugendliche Affären, hofft, dass Luca ein Ziel im Leben findet und staunt über Kias Mut und Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen. Am Schluss treffen die verschiedenen Figuren zusammen, es fügt sich alles nahtlos ineinander, und es eröffnen sich neue Perspektiven.

 

Simone Meier kann schreiben. Der Roman ist unterhaltsam, leicht zu lesen, und behandelt bei aller Heiterkeit doch auch ernste Themen. Sexuelle Übergriffe werden nicht nur thematisiert, sondern auch beschrieben, das gibt dem Buch die nötige Tiefe.

 

Wem ich das Buch empfehlen würde

Liebhaber*innen unterhaltsamer, süffig erzählter Geschichten mitten aus dem Leben.

 

Originalton aus dem Buch

Mama ist mit Anna zusammen. Und wieso? Weil beide mit Papa geschlafen haben. Mama hat mit ihm geschlafen, weil sie ein Kind wollte, ein Unternehmen, bei dem ich herausgekommen bin. Anna, weil sie mit Papa schlafen wollte, eine Unternehmen, bei dem nichts weiter als genau das herausgekommen ist. Und dann sind die beiden Frauen einander begegnet. Im Theater.

 

Luca war sich sicher, dass dies der ungewöhnlichste Beginn einer Mail war. Er hatte Malou versprochen, ihr zu schreiben. Nein, wenn er ehrlich war, hatte er ihr schon beinah damit gedroht, sie mit Nachrichten aus seinem Leben zu bedrängen. Weshalb er sich jetzt lieber Zeit liess. Vor fünf Tagen hatte er sie mit seinem Geständnis verabschiedet, seit fünf Tagen fürchtete er ihre Antwort, er konnte sich allzu gut vorstellen, dass sie Nein sagen würde.