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Callan Wink: Big Sky Country (2021) / August (2020)

Aus dem Amerikanischen von Hannes Meyer

 

Worum geht’s?

August wächst auf einer Farm in Michigan auf. Der Vater schuftet auf der Milchfarm, die Mutter raucht Zigarillos , liest viel und macht sich über den frisch gewählten George Bush jr. lustig. Sie sähe es gerne, wenn August nach dem Abschluss studieren würde, sein Vater hofft, dass er zu Hause mitarbeitet und eines Tages die Farm übernimmt. Nach der Scheidung der Eltern zieht August mit seiner Mutter quer durchs Land nach Montana, nur um dort als wieder Farmer zu arbeiten, nun aber in einer ganz anderen Umgebung.

 

Wir begleiten August über einen Zeitraum von rund dreizehn Jahren. Zu Beginn, Ende der Neunzigerjahre, ist er zwölf, am Ende des Romans Mitte zwanzig. Ein geradezu klassischer Entwicklungs- und Bildungsroman im ländlichen Amerika: Es wird gejagt und gefischt, geprügelt und getanzt. Die Anschläge des 11. September kommen auch vor, aber nur indirekt. Nach dem Schulabschluss geht einer von Augusts Kumpels freiwillig nach Afghanistan und kommt dort ums Leben. Auf einer Gedenkparty für ihn kommt es zu einem Verbrechen, an dem August zwar nicht teilnimmt, das er aber auch nicht verhindert. Aus August wird man oft nicht schlau, nur selten gestattet Winks Erzählstimme einen Blick in Augusts Innenleben, sein Denken und sein Handeln stehen immer wieder in merkwürdigem Widerspruch zueinander. Er ist ein schweigsamer Einzelgänger. Unter anderem das macht Big Sky Country in seiner kargen Poesie so attraktiv, zwischen Erzählstimme und Figuren herrscht eine interessante emotionale Distanz. Im Amerikanischen Original heisst der Roman auch schlicht August.

 

Big Sky Country ist ein Coming-of-Age-Roman über Gefühle, Männer und Frauen, vor allem aber über das Verhältnis zwischen Dingen und Worten. Gekonnt lässt Wink Spannungen unter den Charakteren in Topografie einfliessen. Es geht um die Verunsicherung des männlichen Selbstverständnisses, immer wieder stellt sich die Männlichkeitsfrage: Darf man sich ungestraft einen Waschlappen nennen lassen? Muss man einem Mitschüler helfen, wenn dieser ungerechtfertigt Prügel bezieht? Augusts Vater ist der Inbegriff der männlichen Sprachlosigkeit. Und doch weckt Wink Empathie für diese väterliche Einsilbigkeit. Wenn Vater und Sohn telefonieren, reden sie übers Wetter – und tauschen sich damit doch wortkarg über ihre Probleme aus.

 

Was mir am Buch besonders gefällt

In Callan Winks Text riecht man den Duft von frischem Heu. Mit unaufgeregtem Blick beschreibt er das Heranwachsen eines Jungen in den USA und den Einfluss, den Landschaften beim Menschen hinterlassen. Callan Wink arbeitet seit seiner Jugend als Fly Fishing Guide auf dem Yellowstone River in Montana, man merkt, dass er Land und Leute kennt. Das leicht lesbare, leise, aber trotzdem unterhaltsame Buch löst ein schönes Kopfkino aus und vermittelt wie beiläufig Informationen über Montana, zum Beispiel über die Hutterer.

 

Wem ich das Buch empfehlen würde

Allen, die Bücher mögen, in denen auch mal nicht so viel passiert. Big Sky Country ist eine Reise im Kopf, man erfährt viel über das ländliche Amerika und die unterschiedlichen Landschaften, die die Menschen prägen. Es ist aber nur etwas für Leser*innen, die sich auch auf unspektakuläre Bücher einlassen können. Big Sky Country ist keine grosse Geschichte: Ein junger Mann sucht seinen Weg im Leben. Das ist alles. Aber das wird eindrücklich erzählt.

 

Originalton aus dem Buch

«Also», sagte sie. «Wie gefällt es dir hier oben bisher?» Ich habe dich ja eine Weile nicht gesehen.»

«Gut. Schöne Landschaft.»

«Dagegen habe ich nichts einzuwenden. Die Landschaft ist makellos. Hast du auch schon ein paar der Leute von hier kennengelernt?»

Er kaute sein Hühnchen. Kaute weiter. Schluckte und spülte mit Wasser nach. «Ein paar», sagte er. «Grösstenteils sind sie wohl ganz nett. Manche bleiben lieber unter sich. Alle haben viel zu tun.»

«Gut möglich. Es ist schon seltsam; so leer und weit es hier oben ist, kann es einem doch manchmal etwas voll vorkommen. Ich habe mich gewundert, wie gut mir Billings gefällt. Ich werde jetzt nicht in die Einzelheiten zwischen mir und Ancient gehen. Die interessieren dich sicher sowieso nicht. Aber wenn ich hier oben wohnen bliebe, müsste ich über hundert Kilometer zum nächsten Yogakurs fahren oder um eine anständige Pizza zu kriegen oder ein Konzert zu sehen. Alles ist so weit weg.»

«Das hat auch sein Gutes. Kein Stau. Man braucht die Türen nicht abzuschliessen.»