Worum geht’s?
Eine Kleinstadt irgendwo in Norddeutschland. Das Land ist flach, das Leben eintönig. Am Stadtrand liegt der riesige Geflügelschlachthof Möllring, ein wichtiger Arbeitgeber der Region. Der Schlachthof ist der Schauplatz, auf dem wir Einblick in das Leben der sechs Hauptfiguren bekommen: Sonia, alleinerziehende Mutter, die nicht mehr länger am Fliessband arbeiten möchte und mit ihrer Teenager-Tochter überfordert ist; die junge Ingenieurin Anna, die ein neues Automatisierungsverfahren unbedingt zum Laufen bringen muss und mit Beziehungsproblemen kämpft; der Manager Merkhaus, der sich auf einer Datingplattform für Polinnen interessiert; der sehbehinderte afghanische Dichter Nassim, der auf der Flucht vor den Taliban in der deutschen Provinz auf die Anerkennung seines Flüchtlingstatus wartet und hofft, mit seiner Lyrik die deutschen Beamten zu überzeugen, ihn nicht abzuschieben; Justyna, die seit dreissig Jahren in Deutschland putzt und die mit dem viel jüngeren Nassim ein Verhältnis hat, die aber auf der Datingplattform auch mit Merkhaus Kontakt aufnimmt, und Roshi, eine deutsch-iranische Autorin, die eher widerwillig von Köln anreist, um Nassim beim Übersetzen seiner Gedichte zu helfen.
In Kapiteln, denen jeweils der Name der Person voransteht und die aus den unterschiedlichen Perspektiven der Figuren geschrieben sind, erhalten wir Einblicke in deren Leben und Herausforderungen. Ein Unfall bringt die sechs Figuren am Ende des Buches mehr oder weniger zufällig zum gemeinsamen Presse-Foto bei Möllring zusammen.
Das Buch war auf der Longlist des deutschen Buchpreises.
Was mir am Buch besonders gefällt
Inhaltlich finde ich die Vielfalt der Themen interessant, mit denen sich die verschiedenen Figuren beschäftigen. Jede Figur hat ihre Sehnsüchte, Träume, Hoffnungen, Sorgen und Wünsche, sei es im Privat- oder im Arbeitsleben. Das Personal des Buches ist heterogen, wir begleiten eine Fliessbandarbeiterin, eine Ingenieurin, einen Manager, einen Asyl suchenden Dichter, eine Polin, eine Übersetzerin mit Migrationshintergrund.
Alle Figuren leiden unter ökonomischem Druck: Reicht das Geld? Ist meine Arbeit gut genug? Alle haben Entfremdung- und Entwurzelungserfahrung und sind erschöpft vom täglichen Leben.
Kapitelweise wechseln die Perspektiven, so dass man die Figuren nach und nach besser kennenlernt. Die Übersetzerin Roshi ist die einzige, deren Erlebnisse in der Ich-Perspektive erzählt werden. Vielleicht, weil sie viel mit der Autorin gemeinsam hat? Sonia, die am Fliessband die Hühner auf «Wooden Breast» abtasten muss – ein Phänomen, das entsteht, wenn die Hühner zu viel Stress ausgesetzt waren und das Fleisch dadurch hart geworden ist – merkt, dass auch sie psychologisch gesehen an einer Verhärtung im Brustbereich leidet. Die Ingenieurin Anna muss sich in der Vorstandsetage sexistische Kommentare über ihre angeblich zu geringe Oberweite anhören. Nassim, der afghanische Dichter, möchte endlich irgendwo zu Hause sein. Der Manager Merkhaus hat objektiv gesehen sein Karriereziel erreicht und ist trotzdem nicht glücklich. Und Justina ist auch nach dreissig Jahren in Deutschland noch nicht wirklich angekommen.
Jede Figur hat ihre eigenen Probleme und sieht nur sich. Wir Leserinnen haben Einblick in alle ihre Leben und können die verschiedenen Handlungsweisen meist gut nachvollziehen. Nach und nach lernen wir die einzelnen Schicksale besser kennen.
Das Buch lebt von den Hoffnungen, Sehnsüchten, Sorgen, Wünschen und Träumen seiner Figuren. Die Figuren sind individuell gestaltet und stehen dennoch stellvertretend für verschiedene Typen der Gesellschaft.
Originalton aus dem Buch
[Anna]
Und sie könnte endlich einmal wieder richtig durchatmen. Wieder? Wann hatte sie denn das letzte Mal richtig durchgeatmet? Bei ihrer Geburt vielleicht?
Wer sich auf seinen Lorbeeren ausruht, trägt sie an der falschen Stelle, Anna.
Sie biss von der Banane ab, und plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie sich jedes Mal, wenn ihre Mutter das sagte, vor ihrem geistigen Auge eine Dornenkrone vorstellte statt eines Lorbeerkranzes. Wieso bloss? Die hohen Erwartungen ihrer Eltern an sie hatten ihr doch nicht wehgetan, oder? Im Gegenteil, sie war froh, dass ihre Eltern sie stets angespornt, ihr alles zugetraut hatten. Sie war glücklich über das Leben, das sie führen durfte, sie war ihren Eltern dankbar dafür, dass sie in Rumänien alles aufgegeben hatten, allen voran ihren sozialen Status, und mit ihr nach Deutschland gegangen waren, um ihr eine echte Perspektive zu bieten. Freiheit, Selbstbestimmung, vielleicht sogar -verwirklichung, jedenfalls ein Selbst.