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Ian McEwan: Was wir wissen können (Diogenes, 2025)

Worum geht’s?

2014 schreibt der Dichter Francis Blundy für seine Frau Vivien anlässlich ihres 54. Geburtstags einen Sonnettenkranz. Er liest das Gedicht am Geburtstagsessen mit Freunden vor, anschliessend verschwindet es spurlos.

 

Im Jahr 2119 macht sich der Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe, dessen Spezialgebiet die Literatur der Jahre 1990 bis 2030 ist, in einem von Klimakatastrophen betroffenen Grossbritannien auf die Suche nach dem verloren gegangenen Gedicht. Durch seine Recherchen findet er viel Privates über das Ehepaar Blundy heraus und verwebt es mit Gedanken zu seiner eigenen Ehe mit Rose.

 

Über den Zustand der Natur im Jahr 2119 erfahren wir nur andeutungsweise, dass ein Grossteil der Welt mit Wasser bedeckt ist. Um kleine Strecken in Grossbritannien zurückzulegen, ist man per Schiffe teilweise mehrere Tage unterwegs. In der jüngsten Vergangenheit gab es «begrenzte Atomschläge», in Amerika herrschen Warlords. Grossbritannien ist zu einer Archipel-Republik zusammengeschrumpft. In dieser sitzt nun der englische Literaturprofessor Tom in einer hochgelegenen Bibliothek, erforscht die versunkene Welt und versucht, diese verklärte Zeit seinen Studenten nahezubringen. Doch diese schauen mit Wut und Unverständnis auf die Menschen Anfang des 21. Jahrhunderts, weil jene wissen mussten, was klimatechnisch auf sie zukam, und weil sie nichts taten, um die Katastrophe abzuwenden.

 

Soweit der Plot des ersten Teils des Romans.

 

Im zweiten Teil kommt Vivien selber zu Wort. Wir lesen ein altes Tagebuch, das sie sorgsam versteckt hatte, damit niemand von ihrer geheimen Liebschaft und dem Verbrechen erfährt, das sie zwar nicht selber begangen hat, von dem sie aber ein Teil war.

 

Vivien erzählt, was an jenem legendären Abend im Jahr 2014 wirklich passiert ist, und es stellt sich die im Titel thematisierte Frage, was wir überhaupt über die Vergangenheit wissen können. Der Wissenschaftler Tom mag sorgfältig niedergeschriebene Quellen studiert und digitale Chatverläufe wiederhergestellt haben, doch die Wahrheit erfährt er trotzdem nicht.

 

Was mir am Buch besonders gefällt

Der Roman kann als Satire auf die digitale Gesellschaft gelesen werden. Obwohl der Literaturwissenschaftler Mails und Whatsapp-Chats wiederherstellen kann, erfahren wir die Wahrheit darüber, was an jenem berühmten Geburtstagsessen passiert ist, durch ein analoges Tagebuch. Einerseits wird die Vergangenheit verklärt, andererseits thematisiert der Roman auch die Frage, was wir der Zukunft schulden. Wir haben (noch) eine einigermassen stabile Gegenwart, doch an der Haltung von Toms Studenten wird klar, dass es nichts nützt, Bücher gegen den Klimawandel zu schreiben, man muss auch handeln.

 

Interessant finde ich, dass in der dystopischen Zukunft Papier nur noch in abgelegenen Archiven überleben kann, dass digitale Daten der Vergangenheit jedoch problemlos recherchierbar sind. Nur: kann man denen trauen?

 

Die grosse Frage ist: «Was wird in Zukunft von der Welt, wie wir sie kennen, übrig bleiben?»

 

Ich fand den Roman bereichernd, denn neben den  sehr vage gehaltenen  dystopischen Klimaszenarien regt er zum Nachdenken über die Gegenwart an und unterhält die Lesenden bestens mit seiner Mischung aus Liebesgeschichte, Krimi und Schnitzeljagd.

 

Originalton aus dem Buch

Zwischen dem 16. Und dem 20. Jahrhundert kam es natürlich zu Veränderungen in der Sprache. Bemerkenswert aus heutiger Sicht aber ist, wie wenig sich die englische Sprache tatsächlich gewandelt hat trotz all der Unruhen mehrerer Kriege, einiger Pandemien, eines nuklearen Schlagabtauschs, der katastrophalen Überflutung und jener übergeordneten Disruption, die zig Millionen Menschen aus Afrika nach Europa trieb. Ein Planet, hätte Adam Smith vermutlich gesagt, lässt sich nicht so leicht vernichten.

 

In Blundy und sein Kreis, unserer aktuellen Seminarreihe, wurden die Studenten aus ihrer Lethargie geweckt, sobald sie merkten, wie glaubhaft ihnen die historischen Personen vorkamen; und sie lernten Blundy ziemlich gut kennen, seine verschiedenen Stimmungen, aber auch die Veränderungen, die er im Lauf eines Lebens durchmachte. Zudem war es interessant, sich in einer Sitzung mit den Unterschieden und Ähnlichkeiten zwischen damals und heute zu befassen. All jene, die sich an besagtem Oktoberabend im Jahr 2014 in der Scheune an den Tisch setzten, sollten älter als Mitte sechzig werden. Jetzt ist zweiundsechzig unsere durchschnittliche Lebenserwartung. Damals wie heute waren und sind es Krebs, Herzkrankheiten und Demenz, denen die meisten erliegen. Die Blundys und ihre Gäste lebten in einer Welt, die uns wie das Paradies vorkommt.

 

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