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Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert (2021) / Relocation (2021)

Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama

 

Worum geht’s?

Lilach Schuster wohnt mit ihrem Mann Michael und dem 16-jährigen Sohn Adam im Silicon Valley, wo Michael als erfolgreicher Software-Entwickler für Waffen arbeitet. Lilach und Michael sind aus Israel in die USA ausgewandert, damit Adam in einer gewaltfreien Welt aufwachsen kann, doch der Roman beginnt mit einem Anschlag eines afroamerikanischen Jugendlichen auf die Synagoge der Gemeinde, bei dem ein Mädchen getötet wird. Die ganze Gemeinde ist erschüttert und betroffen. Da sich antisemitische Angriffe häufen, drängen die Eltern Adam zu einem Selbstverteidigungskurs. Adam geht zuerst widerwillig, ist aber bald fasziniert von Uri, einem ehemaligen israelischen Elitesoldaten, der den Jugendlichen Krav Maga beibringt.

 

Kurz darauf stirbt Jamal, ein schwarzer Jugendlicher aus Adams Klasse, auf einer Party, an der auch Adam anwesend ist.

 

Erst nach und nach erfahren wir, dass Adam in seiner festungsartig abgeschotteten und gut bewachten Schule alles andere als gewaltfrei aufwächst. Er wird gemobbt, ihm werden Markenturnschuhe und Skateboard gestohlen. Zu Hause lässt er sich nichts anmerken, seine Mutter glaubt ihm, dass er die Sachen verloren hat. Bis zum Moment, wo nach der Party auf den Schulmauern antisemitische Graffiti auftauchen und Adam als Mörder von Jamal genannt wird. Da beginnt sie zu zweifeln, könnte Adam etwas mit Jamals Tod zu tun haben? Während der Mutter Adams Beziehung mit Uri nicht geheuer ist, freundet sich der Vater mit Uri an. Doch ist Uris Interesse an Adam und Michael wirklich so uneigennützig?

 

Der Roman lebt von der Spannung, deshalb sei hier über die Handlung nicht mehr verraten.

 

Was mir am Buch besonders gefällt

Vordergründig geht es um die Themen Antirassismus und Antisemitismus und um eine Mutter-Sohn-Beziehung. Doch darunter lauern die eigentlichen brennenden Fragen, die der Roman aufwirft: Was bewirken stereotype Wahrnehmungen und Opfer- und Täterzuschreibungen?

 

Ich fand es berührend zu lesen, wie wenig beide Mütter Adam und Jamal kennen. Dies kommt in den wenigen Treffen zwischen den beiden Frauen feinfühlig zum Ausdruck.

 

Die Autorin lässt der Leserin viel Freiraum für eigene Interpretationen, was ich enorm schätze. Der Roman zieht einen rein, ich hatte das Buch im Nu durchgelesen. Über kleine Schwächen, wie etwa zu offensichtliche oder unnötige Neben-Handlungsstränge, sehe ich dabei gern hinweg.

 

Wem ich das Buch empfehlen würde

Wer eine spannende Story mit Tiefgang mag, wird dieses Buch sehr gern lesen.

 

Originalton aus dem Buch

Eines schönen Tages bat uns Adam, auf der Strasse nicht mehr Hebräisch mit ihm zu sprechen. Wir wohnten damals in Seattle. […]

Ich rief die Lehrerin an, um dezent zu eruieren, ob in der Klasse irgendetwas vorgefallen sei, ob amerikanische Kinder womöglich Fremdheit witterten, wie weisse Haie Blut. Vielleicht habe jemand ihn ausgelacht. Ms Jason war hell entsetzt. «Ich glaube nicht, dass so was bei uns vorkommen könnte, Ms Schuster, unsere Schule ist stolz auf ihre kulturelle Vielfalt.» […]

Doch auch als «Schalom» die Wände des Klassenzimmers zierten, blieb Adam bei seiner Weigerung. Er wollte nicht die kulturelle Vielfalt der Schule bereichern. Er wollte sein wie alle.

«Ich hab dir ja gesagt, dass es so kommen würde», triumphierte meine Mutter am Telefon. «Sei froh, dass er wenigstens zu Hause noch Hebräisch spricht.»

«Das geht vorüber», erwiderte ich, weit sicherer, als ich es tatsächlich war.

«Nix da, das wird nur noch schlimmer», jubelte sie weiter. […]

Doch nachdem mein Sohn sich mit sieben Jahren geweigert hatte, auf der Strasse Hebräisch zu sprechen, machte er mit sechzehn Jahren eine Kehrtwende. Die israelitische Identität, die in ihm schlummerte, erwachte mit einem Schlag. Er wollte kein amerikanischer Junge sein, der weglief, wenn ein Terrorist in die Synagoge stürmte. Er wollte ein Kämpfer sein, mit Gewehr, der auf Vergeltungsaktion ging.