Aus dem Englischen von Jan Schönherr
Worum geht’s?
Eine abgelegene Insel irgendwo zwischen Australien und der Antarktis, darauf eine Forschungsstation und ein Samenbunker, die wegen steigendem Meeresspiegel langsam überflutet werden. Seit acht Jahren wohnt Dominic mit seinen drei Kindern im Leuchtturm. Die anderen Forscherinnen und Forscher sind bereits abgereist, nur Dominic und die Kinder bleiben und ordnen die letzten Sachen, bevor auch sie acht Wochen später von einem Schiff abgeholt werden würden. Der 19-jährige Raff hilft tatkräftig, wo er kann, die 18-jährige Fen lebt lieber am Strand zwischen Robben, Sturmvögeln und Pinguinen, und der 10-jährige Orly weiss so ziemlich alles über die Pflanzen, deren Samen im Bunker gelagert werden, damit sie der Welt bei Umweltkatastrophen nicht verloren gehen. Es toben Stürme, das Meer ist kalt und rau. Eines Abends entdeckt Fen am Strand ein Bündel im Wasser, ein Körper, der zwischen Treibholz und Seetang schaukelt. Mit Hilfe des Vaters und Bruders bringt sie die schwer verletzte Frau in den Leuchtturm. Wider Erwarten erholt sich diese von ihren Verletzungen.
Nun beginnt das gegenseitige Kennenlernen. Die Frau heisst Rowan und war mit einem Boot und einem Begleiter unterwegs auf die Insel. Bald schon ist den Lesenden klar, dass hier alle etwas zu verbergen haben. Warum wollte Rowan trotz Sturm unbedingt auf diese Insel? Dominic sagt, jemand habe die Funkanlage auf dem Hügel zerstört, so dass kein Aussenkontakt mehr möglich ist. Soll Rowan das glauben? Sind wirklich alle Forschenden abgereist? Trotz gegenseitigem Misstrauen freundet sich Rowan mit der Familie an. Die Kinder wachsen ihr ans Herz, und zum wortkargen Dominic fühlt sie sich stark hingezogen. So nimmt die Handlung Fahrt auf, wir erfahren in Rückblenden, was sich in den letzten Monaten auf der Insel zugetragen hat.
Was mir am Buch besonders gefällt
Der Originaltitel lautet Wild Dark Shore, was meiner Meinung nach die düstere und geheimnisvolle Stimmung des Romans viel besser beschreibt als das hoffnungsvollere Die Rettung.
Es hat einen Moment gedauert, bis ich in das Buch reingekommen bin. Jedes Kapitel ist aus der Perspektive von einer der fünf Hauptpersonen geschrieben, was es der Autorin erlaubt, uns in die Gedanken der Personen reinzuversetzen, die Handlung aber auch etwas sprunghaft macht. Von Anfang an spürt man eine geheimnisvolle Atmosphäre, ist aber lange nicht sicher, ob dies nur an den unglaublich starken Beschreibungen von Wind und Wetter liegt, oder ob hier mehr passiert ist, als die Beteiligten preisgeben. Als die Handlung dann so richtig in Fahrt kam, konnte ich das Buch kaum mehr weglegen.
Es geht um Verlust und Trauer, um wilde Natur, um Schuldgefühle, Familienbande und Liebe. Zwischendurch hatte ich Bedenken, dass mir die Handlung zu «wohlfühlig» werden könnte, doch immer wieder kam es anders, als ich dachte, bis hin zum überraschenden Schluss. Spannend!
Originalton aus dem Buch
Es ist immer stürmisch hier, aber dieser Sturm wird einer der schlimmsten werden, die sie seit ihrer Ankunft haben überstehen müssen. Das weiss Fen, sobald sie den Hügelkamm erreicht und auf den Wind prallt. Er reisst sie fast von den Füssen. In der Ferne sieht sie die Lichter des Leuchtturms. […] Am Ende muss sich Fen nicht bis zum Haus durchkämpfen. Ihr Vater hat sie beobachtet, und sobald sie oben am Hügelkamm auftaucht, rennt er auf sie zu. Im Dunkeln, auf dem Pfad zum Ufer, treffen sie zusammen. Nicht mal seine beachtliche Statur kann dem Wind etwas entgegensetzen, fast gebückt zieht er sie an sich, will sie zum Haus führen.
«Halt!», ruft sie. «Dad! Wir brauchen Raff.»
«Schon da», sagt ihr Bruder, taucht auf ihrer anderen Seite auf und legt einen Arm um sie, der fast so gross und kräftig ist wie die Arme ihres Vaters. Gemeinsam drängen sie Fen weiter.
«Wartet!», sagt Fen und weiss, dass die Zeit von diesem Augenblick an in ein Vorher und ein Nachher aufgeteilt sein wird. «Da ist eine Frau.»