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Ulrike Draesner: zu lieben (Penguin Verlag, 2024)

Worum geht’s?

Nach mehreren gescheiterten Versuchen, ein Kind zu bekommen, reisen die Protagonistin und ihr Mann nach Sri Lanka, um die dreijährige Mary aus einem Kinderheim zu adoptieren. Der Start ist schwierig, Mary und die neuen Eltern haben keine gemeinsame Sprache, und vor allem kann sich Mary nicht auf die Elternschaft mit diesen so andersfarbigen Menschen einlassen. Zum Ehemann fasst sie eher Zutrauen, von der fremden Frau, die ihre Mutter sein möchte, lässt sie sich lange nicht berühren. Es braucht viel Zeit, bis beide Seiten die anfängliche Fremdheit überwinden und sich Zuneigung und später auch Liebe entwickelt.

 

Das Buch beschreibt die Zeit kurz vor und während der Adoption mit Sprüngen in die Gegenwart, in der Mary schon fast erwachsen ist. In der Zeit in Sri Lanka steht das Paar stark unter Druck, es hat nur wenige Wochen Zeit, ihre «future daughter» kennenzulernen und die Behörden zu überzeugen, dass sie eine Bindung zu dem Kind aufgebaut haben, sonst dürfen sie das Kind nicht mitnehmen. Während die Liebe zwischen Eltern und Kind wächst, schleicht sie sich zwischen den Ehepartnern langsam davon.

 

Was mir am Buch besonders gefällt

Das Buch wechselt zwischen Roman und autobiografischer Rekonstruktion und bildet im hin- und herwechseln und im Durchstreichen auch die Arbeit des Gedächtnisses ab. Thematisiert wird neben Elternschaft auch die Frage: Was bedeutet Familie? Was bedeutet es, wenn das Kind von einer anderen Frau geboren wurde? Wenn man keine gemeinsame Sprache hat? Nicht einmal eine gemeinsame Hautfarbe? Weitere Themen sind: Liebe, Identität, Elternschaft, Ver- und Entwurzelung, Rassismus, Schreiben.

 

Ich finde das Buch formal ausgesprochen schön. Vom Cover mit dem faszinierenden Bild und der durchgestrichenen Gattungsbezeichnung Roman, über den ersten Teil des Buches mit durchgestrichenen Stellen, die am Schluss des Buches «erklärt» werden (siehe Ausschnitt unten) und die Kapitel in anderer Typografie mit Reflexionen aus dem Heute. Die Sprache ist sorgfältig gestaltet und variiert zwischen hochpoetisch, Wortneuschöpfungen, Zusammensetzungen, Flapsigkeit und Poesie.

 

Die typografisch anders gesetzten Kapitel aus der Gegenwart erläutern die Überlegungen der Erzählerin zum Schreiben, ihre Zweifel, ob und wie sie diese persönliche Geschichte schreiben soll («Doch soll ich weitererzählen? Darf ich?» - «Mary liest, was ich hier schreibe. Zudem erzähle ich ihr davon. Als ich Musils Ranke erwähne, schaut sie mich halb amüsiert, halb muttergenervt an: du und deine Ideen.»). Sie macht die Einsicht, dass sie sich manchmal falsch erinnert, in der Schrift sichtbar.

 

Ulrike Draesner poetisiert eine Lebenserfahrung, die sehr intim und gleichzeitig universell ist. Die Geschichte berührt, weil sie so ehrlich und gleichzeitig so poetisch ist. Eine persönliche Geschichte mit vielen Denkanstössen zu unserer Gesellschaft, die das Fremde oft sehr skeptisch sieht.

 

Originalton aus dem Buch

Zurück in Berlin hatte ich keinen Rheumatismus mehr. Ich hatte ein dreijähriges Kind, das mich brauchte, das mich nicht mehr aus den Augen liess, das an mir hing und klebte, an mir atmete und lebte, das mich forderte und auffrass, das in mich einkroch und mir fast zwölf Monate lang auf Schritt und Tritt folgte, überallhin, also auch aufs Klo.

 

Für Rheumatismus hatte ich keine Zeit. Und sieh an, er verschwand. Auch das innere Hin und Her, der alte Berlinzustand, das Zweifeln und Abwägen, das Etwas-Denken und Das-Gedachte-gleich-wieder-Durchstreichen löste sich auf. Ein Kind zu betreuen bedeutet, allemal wenn es klein ist, ständig Entscheidungen zu treffen, Mikroentscheidungen im Mikrosekundentakt. Immer nach vorn. Die Zeit fliesst und fliesst, und alles wird langsam-schnell: dicht, fühlbar, in Kurven geradeaus.

 

 

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