Worum geht’s?
Lea ist fünfzehn. Als sie acht Jahre alt war, erlitt ihr Vater Georg einen Schlaganfall. Die Ärzte diagnostizieren, er sei «multimorbid», durch verschiedenen Krankheiten wird er immer schwächer, bis die Ärzte meinen, es sei jetzt Zeit für ein Hospiz. Doch Ruth holt ihn nach Hause, er soll zu Hause sterben dürfen. Selbstvergessen pflegt sie ihn, während ihr Verhältnis zu Lea immer kühler wird. Lea macht inzwischen ihre erste Liebeserfahrung und versucht auch sonst, ein mehr oder weniger «normaler» Teenager zu sein. In der Mitte des Buches passiert eine kafkaeske Verwandlung, die im ersten Moment irritiert. Doch wenn man sich darauf einlässt, berührt einen das Buch auf eine Weise, wie es nur selten passiert.
Was mir am Buch besonders gefällt
Das Thema ist schwer: ein Vater, der seit Jahren krank ist, eine Mutter, die sich die Pflege des Vaters zur Aufgabe macht, und eine Tochter, die sich verloren fühlt. Dennoch ist das Buch alles andere als erdrückend. Die wechselnden Perspektiven zwischen Lea und der Mutter mit den kryptischen und teils witzigen Überschriften bringen Leichtigkeit in den Text. Die Sprache ist poetisch, ohne konstruiert zu wirken, der Text entwickelt einen Sog, sodass man das Buch in einem Rutsch durchliest.
Originalton aus dem Buch
[Lea]
Manchmal vergesse ich, dass mein Vater gerade stirbt, und wenn das passiert, ist das richtig toll. Wir sitzen am Ufer, Max, Lenny, Anna und ich, und ich muss so lachen, dass mir die Spezi aus der Nase kommt, und darüber muss nun Anna lachen und sie sagt «Ich kann nicht mehr, ich kann echt nicht mehr», und ich stütze mich seitlich auf den Sandboden, meine Hand berührt unauffällig Max’ Finger, und er zieht seine Hand nicht zurück, und ich lache lache lache, alles ist so wahnsinnig leicht.
[Ruth]
Georg atmet ein, ich atme aus. Es ist ein letzter gemeinsamer Tanz, und irgendwann verlässt Georg den Raum und ich bleibe, aber ich bleibe in Würde. Darum geht es doch beim Überleben, oder Georg? Ich habe nichts mehr gegen den Tod, ich bin kein Mensch der grossen Umarmungen, aber deinen, diesen einen Tod, den umarme ich. Es ist deine letzte grosse Aufgabe, und dein Körper ackert, und wie er ackert, er ackert auf den Tod zu, mit jedem Atemzug ein bisschen mehr, wie eine Leiter, die du erklimmst, du ziehst dich hoch, dein Körper ganz mager.